Russland entwickelt mRNA-Grippeimpfstoff, der in zwei Wochen auf einen neuen Stamm umprogrammiert werden kann
Sibirische Wissenschaftler haben einen multivalenten Impfstoff auf Basis von Matrix-RNA entwickelt, der das größte Kopfzerbrechen der Epidemiologen löst – die Antigendrift des Virus. Wenn ein Stamm mitten in der Saison mutiert, kann das Medikament schnell modifiziert werden, ohne den Produktionszyklus zu unterbrechen.
Jeden Herbst rät die Weltgesundheitsorganisation, welcher Grippestamm sechs Monate später zirkulieren wird. Manchmal liegt sie richtig. Manchmal nicht – und dann erhalten Millionen Menschen einen Impfstoff, der nur halb so gut wirkt. Am 24. April 2026 patentierte das Nowosibirsker Zentrum „Vector“ eine Technologie, die dieses Rätselraten überflüssig macht. Ihr mRNA-Grippeimpfstoff kann in zwei Wochen auf einen neuen Stamm umprogrammiert werden – direkt mitten in der Epidemiesaison, ohne Umrüstung der Fabrik oder Start eines neuen Produktionszyklus.
Der Kampf gegen Mutationen, den wir endlich gewinnen
Wissenschaftler von Vector haben eine multivalente Plattform entwickelt, die nicht nur einen Stamm angreift, sondern gleich mehrere Varianten der Influenza A und B abdeckt. Die Grundlage ist eine DNA-Matrize, auf der Boten-RNA synthetisiert wird, die Hämagglutinin kodiert – das Oberflächenprotein, mit dem das Virus an Zellen andockt. Hat sich das Protein durch Mutation verändert? Man tauscht den Matrizenabschnitt aus, und das Fließband produziert eine aktualisierte Version.
Wladimir Kowal, Direktor des Instituts für Chemische Biologie und Grundlagenmedizin der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften, erklärte die Mechanik ohne Umschweife: Heute verlässt sich die ganze Welt auf WHO-Prognosen, die zirkulierende Stämme analysieren und Empfehlungen aussprechen. Aber wenn der Stamm mitten in der Saison wechselt – und das Grippevirus kann das –, können Pharmaunternehmen nichts tun. Ihr Impfstoff ist bereits abgefüllt. „Die mRNA-Technologie löst dieses Problem grundlegend: Ein neuer Impfstoff für den veränderten Stamm kann in zwei Wochen entwickelt werden“, so Kowal.
In präklinischen Studien an Mäusen zeigte der Impfstoff eine starke Immunantwort: Es wurden sowohl spezifische Antikörper als auch T-Zell-Immunität gebildet. Die Antikörperspiegel gegen Hämagglutinin übertrafen die Kontrollwerte deutlich. Um die mRNA-Stabilität zu erhöhen, bauten die Entwickler modifiziertes Uridin in ihre Struktur ein – denselben Trick, den Pfizer/BioNTech und Moderna bei ihren COVID-Impfstoffen anwenden.
Larissa Karpenko, leitende Forscherin in der Abteilung für Bioingenieurwesen von Vector, verriet auf dem OpenBio-2025-Forum ein weiteres Detail: Das Team testet die Jet-Injektion – bei der die Impfflüssigkeit unter Druck die Haut durchdringt und die Muskeln erreicht, ohne Nadel. Zudem kann mRNA bei dieser Verabreichungsmethode sogar ohne Lipidhülle – in „nackter Form“ – wirken. Das vereinfacht die Logistik radikal und reduziert die Anforderungen an die Kühlkette.
Was bereits im Vector-Portfolio steckt
Die Grippeplattform ist nicht die einzige mRNA-Entwicklung des Zentrums. Auf demselben OpenBio-Forum listete Karpenko eine Reihe von Projekten auf, die einem den Atem rauben: mRNA-Impfstoffe gegen Affenpocken, HIV-1, Frühsommer-Meningoenzephalitis sowie therapeutische Impfstoffe, die breit neutralisierende Antikörper gegen HIV kodieren.
Für Grippe ist das Portfolio bereits multivalent: Ein trivalenter Impfstoff gegen H1N1, H3N2 und Influenza B hat die Immunogenität und Schutzwirkung bei Tieren bestanden. Ein Impfstoff gegen die Vogelgrippe H5N8 wurde separat getestet – und er schützt nicht nur vor einer tödlichen Infektion mit H5N8, sondern auch mit H5N1. Für ein Land, dessen südliche Regionen ein Knotenpunkt für Zugvogelrouten sind, ist das keine Laborkuriosität, sondern ein strategisches Gut.
Das Vector-Zentrum ist kein Neuling auf diesem Gebiet. Es verfügt über eine der umfassendsten Virensammlungen der Welt, darunter Proben von Ebola, Marburg, SARS und Pocken. Auf seiner Basis hat die Regierung das nationale Labor für die Arbeit mit hochpathogenen Influenzaviren geschaffen. Wenn es um die schnelle Entschlüsselung eines neuen Erregers und die Synthese eines Impfstoffkandidaten geht, ist Vector die erste Adresse.
Von der COVID-Lehre zur Grippeplattform
Die mRNA-Technologie kam nicht aus dem Nichts. Die COVID-19-Pandemie machte aus ihr eine Laborkuriosität zur am schnellsten wachsenden Impfstoffplattform der Welt. Laut einem Vortrag von Professor Wladimir Guschtschin von der Russischen Akademie der Wissenschaften an der Pirogow-Universität wurden weltweit in fünf Jahren über fünf Milliarden Dosen mRNA-Impfstoffe verabreicht, und das Sicherheitsprofil gilt als akzeptabel – es wurden keine katastrophalen Nebenwirkungen in Bezug auf Häufigkeit oder Schwere festgestellt. Studien zu Langzeiteffekten laufen noch, aber das Zeitfenster ist weit geöffnet.
Guschtschin betonte in demselben Vortrag: Die mRNA-Plattform ist ein universelles Werkzeug. Sie ermöglicht die Herstellung von Impfstoffkandidaten in zwei bis drei Monaten, die Kombination von Antigenen verschiedener Erreger und die Bildung von Antikörpern gegen konservierte Regionen viraler Proteine – zum Beispiel gegen den „Stiel“ des Influenza-Hämagglutinins, der kaum mutiert. Und, entscheidend für Grippe, ermöglicht sie die schnelle Anpassung der Impfstoffzusammensetzung an neue Antigene.
In Russland arbeiten mehrere mRNA-Kompetenzzentren parallel. Das Gamaleya-Zentrum baut eine eigene Fabrik für mRNA-Impfstoffe und hat bereits die ersten Testchargen eines personalisierten Krebsimpfstoffs „Neoonkovac“ freigegeben. Im November 2025 erteilte das Gesundheitsministerium die weltweit erste Zulassung für dessen klinische Anwendung bei Patienten mit inoperablem Melanom. Das mRNA-Ökosystem in Russland wird nicht um ein einzelnes Medikament herum aufgebaut, sondern als vollwertige technologische Plattform mit wachsendem Produktportfolio.
Der Pharmamarkt bekommt einen neuen Produkttyp
Ein traditioneller Grippeimpfstoff ist ein vorhersagbares, aber unflexibles Produkt. Hersteller legen sich 6–8 Monate vor der Saison auf Stämme fest, züchten das Virus auf Hühnerembryonen, inaktivieren, reinigen und füllen ab. Liegt die WHO mit dem Stamm falsch, sinkt die Wirksamkeit auf 10–30 %, wie in der Saison 2014–2015 mit H3N2. Es ist physikalisch unmöglich, die Situation mitten in der Saison zu korrigieren.
Die mRNA-Plattform stellt dieses Modell auf den Kopf. Kowal berichtete, dass das Team die Entwicklung bereits Pharmaunternehmen vorstellt. Für russische Hersteller – Microgen, Forte, Biocad – ist dies eine Chance, nicht von Null, sondern mit einer fertigen, präklinisch validierten Plattform in das mRNA-Impfstoffrennen einzusteigen. Für das Gesundheitsministerium ist es ein Werkzeug für schnelle Reaktionen auf Pandemiebedrohungen ohne Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten.
Auch der globale Kontext ist klar. Moderna und Pfizer entwickeln bereits mRNA-Grippeimpfstoffe, aber ihre Produkte sind auf westliche Zulassungsverfahren und Preismodelle zugeschnitten. Die russische Entwicklung mit einem Patent und einem eigenen Produktionsstack bedeutet Souveränität in einem Sektor, in dem die Geschwindigkeit der Reaktion auf Mutationen wichtiger ist als das Produktionsvolumen.
Ein zusätzlicher Gewinn ist die Lagerung. Das Vector-Team hat Kryoprotektoren entwickelt, die eine Lagerung des Impfstoffs in lyophilisierter Form bei +20 °C für einen Monat ermöglichen. Zum Vergleich: Die ersten Pfizer-mRNA-Impfstoffe benötigten –70 °C. Wenn die lyophilisierte Version in längeren Studien Stabilität bestätigt, könnte der Impfstoff in Regionen ohne Ultra-Niedrigtemperatur-Gefrierschränke geliefert werden.
Was in den nächsten drei Jahren passiert
Die erste Stufe sind klinische Studien. Das Patent wurde erteilt, präklinische Studien an Mäusen sind abgeschlossen. Der nächste Schritt ist Phase I/II am Menschen. Da Vector unter der Aufsicht von Rospotrebnadsor steht und Erfahrung mit der beschleunigten Entwicklung des EpiVacCorona-Impfstoffs hat, ist der bürokratische Weg vertraut. Das Prioritätsszenario sind Studien an erwachsenen Freiwilligen im Laufe der Jahre 2026–2027.
Die zweite Stufe ist die Produktionsskalierung. Hier wird die Fabrik des Gamaleya-Zentrums eine Schlüsselrolle spielen; sie hat bereits Testchargen von mRNA-Impfstoffen produziert und feilt an der GMP-konformen Produktion. Vector und Gamaleya konkurrieren nicht – sie bauen ein gemeinsames technologisches Ökosystem auf, in dem ein Team die Plattform entwickelt und das andere die Serienproduktion optimiert.
Der dritte Vektor ist regulatorisch. Das Gesundheitsministerium hat bereits einen Präzedenzfall für die beschleunigte Zulassung von mRNA-Arzneimitteln geschaffen, indem es Neoonkovac für die klinische Anwendung unter einem personalisierten Protokoll genehmigt hat. Für den Grippeimpfstoff, der nicht personalisiert, sondern für die Bevölkerung bestimmt ist, wird das Verfahren standardmäßig sein, aber die Erfahrung des Regulators mit mRNA-Produkten wird die Prüfzeit verkürzen.
Die vierte und wichtigste Prognose ist international. Vector koordiniert die Zusammenarbeit mit der WHO bei der Entwicklung von HIV-Impfstoffen. Eine ähnliche Zusammenarbeit bei Grippe ist der logische nächste Schritt. Wenn die russische mRNA-Plattform in klinischen Studien Wirksamkeit und Sicherheit beweist, könnte sie zu einem Exportprodukt werden: Länder ohne eigene mRNA-Produktion könnten nicht fertige Spritzen kaufen, sondern eine Plattform, die an ihre regionalen Stämme anpassbar ist.
Zwei Wochen, um einen Impfstoff auf einen neuen Stamm umzuprogrammieren – das ist keine Evolution. Es ist ein Paradigmenwechsel, bei dem Epidemiologen dem Virus hinterherliefen und jedes Mal verloren, wenn eine Mutation die Bürokratie überholte. Mit Vectors Patenten ändert sich die Rechnung: Jetzt muss das Virus vor dem Impfstoff davonlaufen, nicht umgekehrt.
— Editorial Team