Warum der russische Ölexport sinkt – und warum das für Kreml trotzdem vorteilhaft ist
Von Mitte März bis Mitte April 2026 exportierte Russland durchschnittlich 3,22 Millionen Barrel Öl pro Tag. Das ist der niedrigste Wert seit August 2025. Der Rückgang geht auf Schäden am zentralen Terminal in Noworossijsk zurück, die Anfang April durch einen Angriff verursacht wurden – das Terminal blieb fast fünf Tage still.
Doch hier liegt der Widerspruch: Trotz geringerer Menge fließen mehr Gelder in den Moskauer Staatshaushalt. In derselben Woche erzielte Russland Einnahmen von 2,29 Milliarden US-Dollar – mehr als in der Vorwoche. Der Grund sind die Preise. Der Preis für russisches Öl der Sorte Urals stieg auf fast 96 Dollar pro Barrel (im Schwarzmeerraum auf 94 Dollar), während bereits nach Indien geliefertes Öl sogar bei 126 Dollar gehandelt wird.
Das ist, als würde man weniger Äpfel verkaufen, aber die Preise so stark erhöhen, dass man insgesamt mehr verdient. Hauptsache, man findet Käufer, die auch wirklich zahlen.
Wer kauft russisches Öl heute?
Die Hauptabnehmer bleiben dieselben: China, Indien und die Türkei. Doch immer häufiger verschleiern Tanker ihre endgültige Bestimmung. Anstatt des tatsächlichen Hafens werden oft «Port Sudan» oder «Suez» angegeben – nur als Zwischenstation. So wird die Verfolgung der Lieferungen praktisch unmöglich.
Zudem zeigten sich nach der vorübergehenden Lockerung der US-Sanktionen im März 2026 neue Interessenten: Vietnam, Thailand, die Philippinen, Indonesien und Sri Lanka haben ihre Beschaffungen erhöht. Diese Länder sind nicht Teil westlicher Sanktionslisten und sind bereit, Öl zu «Rabattpreisen» zu kaufen – obwohl diese scheinbare Ermäßigung durch hohe Transport- und Versicherungskosten in Wirklichkeit verschwindet.
So hat sich die Logistik russischen Öls verändert:
- Früher: Direkte Lieferungen nach Europa über die Ostsee und das Schwarze Meer.
- Heute: Lange Routen nach Asien mit Umsetzungen, «Schatten-Tanker» und Dokumentenfälschungen.
- Preis: Auf Papier niedriger als der Marktpreis, in der Praxis jedoch höher aufgrund zusätzlicher Kosten.
Was wichtig ist
- Der Ölexport aus Russland sank auf den niedrigsten Stand seit August 2025: 3,22 Millionen Barrel pro Tag.
- Die Exporteinnahmen steigen dank gestiegener Preise: mehr als 2,2 Milliarden Dollar pro Woche.
- Hauptabnehmer sind China, Indien, die Türkei sowie neue asiatische Länder.
- Viele Tanker verbergen ihr Endziel, was die Kontrolle über Lieferungen erschweren.
- Sanktionen wirken teilweise: Sie erschweren die Logistik, stoppen aber die Verkäufe nicht.
Was bedeutet das für normale Menschen?
Wenn Sie Ihr Auto tanken, Plastik kaufen oder fliegen – der Ölpreis beeinflusst Ihr Portemonnaie. Steigende Weltmarktpreise können die Kosten für Benzin und Konsumgüter auch in Ländern erhöhen, die direkt kein russisches Öl beziehen.
Außerdem hat Russland dank der Milliarden-Einnahmen aus dem Export weiterhin Ressourcen, um den Krieg fortzusetzen. Es geht nicht nur um Energie, sondern um geopolitische Stabilität. Je länger der Kreml vom Ölverkauf profitiert, desto länger kann er seine Militärausgaben finanzieren.
Doch Sanktionen und Angriffe auf Infrastruktur zeigen bereits Wirkung: Die Liefermengen sinken, die Logistik wird komplexer und die Risiken für Käufer steigen. Die Welt reorganisiert langsam, aber sicher ihre Lieferketten – und das verändert die globale Wirtschaft.
— Editorial Team