Russischer Aktienmarkt wartet auf Entscheidungen zu Gazprom- und Gazprom Neft-Dividenden
Anleger warten auf die Ankündigung der Beschlüsse der Aufsichtsräte von Gazprom und Gazprom Neft zu den Dividenden für 2025, die die wichtigste Nachricht des Tages sein könnten. Gleichzeitig schätzen Analysten die Wahrscheinlichkeit von Zahlungen von Gazprom als nahe Null ein und erwarten Überraschungen nur von Nachrichten über Power of Siberia 2.
Der Markt verharrt in Erwartung des Urteils der Aufsichtsräte von Gazprom und Gazprom Neft, aber die eigentliche Intrige liegt nicht in der Dividendenhöhe. Während sich Minderheitsaktionäre fragen, ob sie etwas bekommen, spielt sich ein klassisches Spiel zwischen der Regierung und dem Unternehmensmanagement ab: Der Staat signalisiert implizit, dass die Export-Übergewinne in das Megaprojekt Power of Siberia 2 fließen sollen, nicht in Ausschüttungen an die Aktionäre. Und die jüngsten Aussagen von Dmitri Peskow über eine Verständigung zu den „grundlegenden Parametern“ der Gaspipeline mit China sind nicht nur diplomatischer Optimismus, sondern der Schlüssel zur Entschlüsselung der heutigen Vorstandsbeschlüsse.
Das Wesentliche: Was wirklich passiert
Die formelle Tagesordnung ist die Genehmigung der Dividenden für 2025. Gazprom wies einen IFRS-Nettogewinn von 1,34 Billionen Rubel aus, leicht höher als 2024. Der freie Cashflow stieg von 35 Milliarden auf 294 Milliarden Rubel, und rein rechnerisch könnte das Unternehmen Dividenden mit zweistelligen Renditen zahlen. Das Wesentliche ist jedoch, dass dieser Gewinn weitgehend „buchhalterisch“ ist – er enthält eine massive positive Neubewertung von Schulden in Höhe von 430 Milliarden Rubel aufgrund der Rubelstärkung. Es gibt kein echtes Geld für Ausschüttungen an die Aktionäre: Der operative Cashflow wird durch das Investitionsprogramm verbraucht, und die Verschuldung bleibt hoch. Der Staat, der über 50 % der Aktien kontrolliert, hat seine Wahl bereits getroffen: Die Dividenden für 2025 werden dem „Jahrhundertbau“ geopfert. Dies ist keine Entscheidung des Managements – es ist eine politische Vorgabe.
Zeitplan und Kontext
Die Geschichte der Gazprom-Dividendenenttäuschungen reicht bis 2021 zurück. Damals gab es aufgrund der Liquiditätsabschöpfung durch eine erhöhte MET keine Ausschüttungen. 2022 folgten Rekorddividenden mit einer Rendite von 26,2 %, dann aber zwei Jahre Stille: Für 2023 und 2024 erhielten die Aktionäre nichts. Jetzt gibt es weniger formelle Hürden: Die Abschaffung der zusätzlichen MET und verbesserte Finanzkennzahlen haben ein Zeitfenster geöffnet. Die Kombination zweier Faktoren – die Notwendigkeit, Power of Siberia 2 zu finanzieren, und Sanktionsrisiken – überwog jedoch. Die geplante Kapazität der Pipeline beträgt 50 Milliarden Kubikmeter pro Jahr, und ihr Bau wird Investitionen in Höhe von mehreren zehn Milliarden Dollar erfordern. Dafür hat Gazprom seine CAPEX für 2026 um rekordverdächtige 515 Milliarden Rubel auf 1,1 Billionen Rubel gekürzt und der Schuldenreduzierung Vorrang vor Dividenden eingeräumt. Der heutige Aufsichtsrat wird diese Wahl lediglich in eine formelle Empfehlung umsetzen.
Wer gewinnt und wer verliert
Verlierer sind offensichtlich: private Minderheitsaktionäre von Gazprom, die die Aktie in Erwartung einer Wiederaufnahme der Ausschüttungen hielten. Ein freier Cashflow von 294 Milliarden Rubel hätte mehr als 10 Rubel pro Aktie ermöglicht, aber dieses Geld wird wahrscheinlich im Unternehmen bleiben. Auch Inhaber von Gazprom Neft-Aktien verlieren: Analysten von Freedom Finance Global schätzen die Schlussdividende für das zweite Halbjahr 2025 auf 17,7–27,7 Rubel pro Aktie mit einer Rendite von 3,5 % bis 5,3 %, wobei das untere Ende wahrscheinlicher ist. Da das Unternehmen bereits 17,3 Rubel für das erste Halbjahr gezahlt hat, könnte die jährliche Gesamtdividende diejenigen enttäuschen, die eine großzügigere Ausschüttung erwartet hatten.
Gewinner sind Inhaber langlaufender OFZs und Floater, in die Kapital aus Dividendenstorys fließt, die die Erwartungen nicht erfüllt haben. Ein unerwarteter Gewinner ist zudem Gazprom selbst als Unternehmen: Die Einbehaltung von Mitteln im Unternehmen stärkt seine Fähigkeit, Schulden ohne Refinanzierung an externen Märkten zu bedienen, deren Zugang durch Sanktionen versperrt ist. Indirekt profitieren auch Auftragnehmer von Power of Siberia 2 – Rohr- und Bauunternehmen –, da sie milliardenschwere Aufträge erhalten werden.
Was die Medien nicht sagen
Die entscheidende nicht offensichtliche Erkenntnis betrifft den Finanzierungsmechanismus für Power of Siberia 2. Entgegen öffentlichen Aussagen über den kommerziellen Charakter des Projekts sieht das in den Fluren des Finanzministeriums diskutierte Schema vor, mindestens 12 Milliarden Dollar aus dem Nationalen Wohlfahrtsfonds über nachrangige Einlagen bei der VEB.RF zu verwenden, gefolgt von einer Kreditvergabe an Gazprom. Unter einer solchen Architektur würden Dividendenzahlungen an private Aktionäre politisch toxisch: Der Staat kann nicht gleichzeitig Milliarden Dollar aus den Reserven pumpen und die Gewinnausschüttung an Minderheitsaktionäre zulassen. Dies, nicht formelle Schuldenkennzahlen, blockiert die Ausschüttungen. Zudem erklärte Peskow am 20. Mai, dass „es eine Verständigung zu den grundlegenden Parametern von Power of Siberia 2 gibt“, und diese Aussage ist nicht zufällig mit dem Datum des Gazprom-Aufsichtsrats synchronisiert – sie dient als Signal an den Markt: „Erwartet keine Dividenden, die Prioritäten sind gesetzt.“
Der zweite unausgesprochene Punkt: Die Entscheidung zu Gazprom ist ein Lackmustest für den gesamten russischen Markt. Wenn ein staatlich kontrolliertes Unternehmen mit Mehrheitsbeteiligung zum dritten Mal in Folge auf Ausschüttungen verzichtet, schafft es einen Präzedenzfall für andere staatliche Emittenten – von Rosseti bis Transneft. Anleger beginnen, den gesamten Sektor neu zu bewerten und einen höheren Abschlag für das Risiko einer unberechenbaren Dividendenpolitik einzupreisen.
Prognose: nächste 30 Tage und 90 Tage
Auf einem 30-Tage-Horizont werden die Aktien von Gazprom unter Druck bleiben. Elena Kozhukhova, Analystin bei Veles Capital, stellt fest, dass die Kurse nahe dem Widerstand bei etwa 125–130 Rubel liegen und ein Durchbruch ohne fundamentalen Optimismus schwierig sein wird. Wenn der Aufsichtsrat, wie erwartet, keine Dividenden empfiehlt, riskiert die Aktie, die Unterstützung bei 116,5 Rubel zu testen – das Jahrestief. Positivität ist nur möglich, wenn neue Vereinbarungen zu Power of Siberia 2 auftauchen: zum Beispiel die Ankündigung konkreter Baubeginndaten oder einer Preisformel, die günstiger ist als die Markterwartungen. Aber Peskow hat bereits erklärt, dass „es noch keine klare Vorstellung von den Zeitplänen gibt“, daher ist kein kurzfristiger Wachstumstreiber zu erwarten.
Auf einem 90-Tage-Horizont, bis Ende August, wird die Dynamik der Gazprom-Aktien von makroökonomischen Faktoren bestimmt. Wenn der Leitzins von derzeit 14,5 % zu sinken beginnt, steigt der abgezinste Wert der zukünftigen Cashflows des Unternehmens, was die Kurse auch ohne den Dividendenfaktor stützt. Vor September ist jedoch keine Lockerung zu erwarten, und die Aktie wird in einem Seitwärtstrend verharren. Für Gazprom Neft ist das mittelfristige Bild etwas besser: Das Unternehmen zahlt weiterhin Dividenden, und nach dem Dividendenabschlag könnten sich die Aktien bei stabilen Ölpreisen auf ein Kursziel von 590 Rubel erholen.
Redaktionelle Prognose
Anlage: Aktien der PJSC Gazprom (Ticker GAZP); Richtung – moderater Rückgang in den nächsten 24–48 Stunden. Die erwartete Vorstandsentscheidung, keine Dividenden für 2025 zu empfehlen, ist bereits teilweise eingepreist, aber die formelle Bestätigung könnte einen Ausverkauf auslösen mit Potenzial zur Bewegung in Richtung Unterstützung bei 116,5–118 Rubel. Das wichtigste Widerstandsniveau liegt bei 125 Rubel, ein Durchbruch darüber ist nur bei unerwartet positiven Nachrichten zu Power of Siberia 2 möglich. Vertrauensniveau: hoch. Das Hauptrisiko für die Prognose: eine plötzliche Ankündigung der Unterzeichnung eines Vertrags mit der CNPC zu Bedingungen, die deutlich günstiger sind als vom Markt erwartet, was die Kurse sofort um 10–15 % nach oben drehen könnte. Dies ist eine redaktionelle Meinung, keine Anlageempfehlung.
— Editorial Team