Innovative Therapien für Hämophilie und Morbus Fabry zur Aufnahme in das Programm für hochpreisige Nosologien erwogen
Die Kommission des Gesundheitsministeriums bewertete Lonocotocog alfa (Hämophilie) und ein Medikament gegen Morbus Fabry, um schwer kranken Patienten eine hochpreisige Therapie zu ermöglichen.
Innovative Therapien für Hämophilie und Morbus Fabry: Das Drama der Aufnahme in das Programm für hochpreisige Nosologien
Einleitung
Ende April 2026 fand eine Sitzung der Kommission des russischen Gesundheitsministeriums zur Bildung von Arzneimittellisten statt, bei der über das Schicksal von zwei Hochtechnologie-Medikamenten für seltene Erkrankungen entschieden wurde: Lonocotocog alfa (Hämophilie A) und Pegunigalsidase alfa (Morbus Fabry). Beide Medikamente strebten die Aufnahme in die Liste der lebenswichtigen und unentbehrlichen Arzneimittel (VED) und das Programm für hochpreisige Nosologien (HCN) an, das teure Therapien für Patienten mit seltenen und gesellschaftlich bedeutenden Krankheiten bereitstellt.
Die Geschichte der Überprüfung dieser Medikamente ist jedoch nicht nur eine technische regulatorische Entscheidung. Es ist ein Drama, das sich über Jahre erstreckt, mit wiederholten Ablehnungen, Lobbyarbeit von Patientenorganisationen und Herstellern sowie hitzigen Debatten über pharmakoökonomische Effizienz und Zugang zu Innovationen.
Ereignisdetails und Zeitplan
Lonocotocog alfa: Eine fünfjährige Saga
Lonocotocog alfa (Markenname Afstyla) ist ein rekombinanter Gerinnungsfaktor VIII zur Behandlung und Vorbeugung von Blutungen bei Patienten mit Hämophilie A. Das Medikament wird vom australischen Unternehmen CSL Behring hergestellt und gehört zu den Gerinnungsfaktoren der vierten Generation, die eine längere Halbwertszeit im Vergleich zu plasmaderivierten Konzentraten bieten.
Überprüfungszeitplan:
| Datum | Ereignis | Ergebnis |
|-------|----------|----------|
| 2021 | Erste Überprüfung von Lonocotocog alfa | Beginn des Aufnahmeprozesses |
| 9. Februar 2022 | Sitzung der Kommission des Gesundheitsministeriums | Medikament zur Aufnahme in VED und HCN zugelassen |
| April 2022 | Entwurf der Liste veröffentlicht | Lonocotocog alfa im Entwurf enthalten |
| Dezember 2022 | VED-Liste für 2023 genehmigt | Medikament nicht in der endgültigen Liste |
| August 2024 | Erneute Überprüfung | Kommission stimmte gegen Aufnahme |
| August 2025 | Dritte Überprüfung | Medikament zugelassen, in Entwurf der Richtlinie enthalten |
| Dezember 2025 | VED-Liste für 2026 genehmigt | Medikament nicht in der endgültigen Liste |
| April 2026 | Weitere Kommissionssitzung | Ergebnis unbekannt |
In über fünf Jahren erhielt das Medikament also dreimal die Zustimmung der Kommission (2022, 2025 und 2024? – tatsächlich keine Zustimmung 2024), wurde aber nie in die endgültige Regierungsliste aufgenommen.
Warum ist das Medikament wichtig?
Experten stellen fest, dass Lonocotocog alfa die Häufigkeit intravenöser Infusionen im Vergleich zu herkömmlichen Gerinnungsfaktoren um 25–32 % pro Jahr reduzieren kann. Dies verringert die Anzahl der intravenösen Injektionen, senkt das Infektionsrisiko und verbessert die Lebensqualität der Patienten. Nach Berechnungen von Patientenorganisationen könnten die Einsparungen durch die prophylaktische Behandlung von Hämophilie-A-Patienten mit diesem Medikament im ersten Jahr mindestens 270 Millionen Rubel und im zweiten und dritten Jahr mindestens 540 Millionen Rubel jährlich betragen.
Klinische Daten bestätigen ebenfalls die Wirksamkeit: In der klinischen Praxis zeigte ein 38-jähriger Patient mit schwerer Hämophilie A, der auf Lonocotocog alfa umgestellt wurde, eine hohe Wirksamkeit und Sicherheit, eine erhöhte Restaktivität von Faktor VIII und keine unerwünschten Ereignisse.
Pegunigalsidase alfa: Kampf mit einem russischen Analog
Pegunigalsidase alfa von Chiesi ist ein Medikament gegen Morbus Fabry, eine seltene lysosomale Speicherkrankheit, die durch einen Mangel des Enzyms α-Galactosidase A verursacht wird. Morbus Fabry führt zu fortschreitenden Schäden an Nieren, Herz und Nervensystem und verkürzt die Lebenserwartung erheblich.
Überprüfungszeitplan:
| Datum | Ereignis | Ergebnis |
|-------|----------|----------|
| 6. August 2025 | Erste Überprüfung | Medikament zugelassen, teilweise aufgrund eines akzeptablen Preises |
| Gleicher Tag, später | Hersteller des russischen Analogs (Agalsidase beta von Petrovax Pharm) behauptete, sein Medikament sei günstiger | Abstimmung überdacht, Aufnahme abgelehnt |
| November 2025 | Erneute Überprüfung | Kommission stimmte erneut dagegen |
| April 2026 | Weitere Sitzung | Medikament wieder auf der Tagesordnung |
Das Hauptproblem für Pegunigalsidase alfa ist sein Status in den klinischen Leitlinien. Kommissionsmitglieder stellten fest, dass das Medikament für die Aufnahme in den klinischen Leitlinien verankert sein muss, damit es einer bestimmten Patientenkohorte verschrieben werden kann. Die aktuelle Version der klinischen Leitlinien enthält Pegunigalsidase alfa noch nicht.
Globaler Kontext: Neue Ansätze für Morbus Fabry
Die globale Wissenschaftsgemeinschaft sucht aktiv nach neuen Ansätzen zur Behandlung von Morbus Fabry. Auf dem WORLDSymposium 2026 (der größten Konferenz zu lysosomalen Speicherkrankheiten) wurden wichtige Daten präsentiert:
| Therapie | Mechanismus | Schlüsseldaten |
|----------|-------------|----------------|
| Migalastat (oraler Chaperon) | Stabilisiert mutiertes Enzym | Vergleich mit ERT: 55,3 vs. 100,7 Ereignisse pro 1000 Patientenjahre |
| Isaralgagene cipaparvovec (ST-920, Sangamo) | Lentivirale Gentherapie, einmalige Verabreichung | Über 5 Jahre Nachbeobachtung: keine klinischen Ereignisse vs. 51 Ereignisse in der Kontrollgruppe |
Die Studie von Sangamo zeigte, dass die Gentherapie das „Behandlungsparadigma für Morbus Fabry grundlegend verändern“ könnte, indem sie eine einmalige Verabreichung anstelle von lebenslangen Infusionen alle zwei Wochen ermöglicht. Die FDA hat bereits zugestimmt, die Steigung der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) nach 52 Wochen als Surrogat-Endpunkt für eine beschleunigte Zulassung zu betrachten.
Der russische Regulierer, der Pegunigalsidase alfa prüft, folgt dem gleichen Trend: Das Aufkommen alternativer Therapieoptionen (einschließlich russischer Analoga) schafft Preisdruck und erweitert die Auswahl für Patienten.
Auswirkungen und Bedeutung
Für Patienten mit Hämophilie A
Hämophilie A ist eine lebenslange Erkrankung, die regelmäßige intravenöse Infusionen von Gerinnungsfaktor erfordert. Für Patienten mit schweren Formen ist die prophylaktische Therapie (2–3 Infusionen pro Woche) der Standard, um spontane Gelenkblutungen zu verhindern, die zu Behinderungen führen.
Lonocotocog alfa kann aufgrund seiner längeren Halbwertszeit die Infusionshäufigkeit auf zweimal pro Woche (und in einigen Fällen einmal pro Woche) reduzieren. Dies:
- Reduziert die „Behandlungsbelastung“ für Patienten und ihre Familien
- Verringert die Anzahl der venösen Zugänge, besonders wichtig bei Kindern
- Senkt das Risiko der Entwicklung von Inhibitoren (Antikörper gegen Gerinnungsfaktor)
Patientenorganisationen setzen sich aktiv für die Aufnahme des Medikaments ein. Die Allrussische Hämophilie-Gesellschaft sandte einen Brief an die stellvertretende Ministerpräsidentin Tatjana Golikowa mit der Bitte, Lonocotocog alfa in die VED-Liste aufzunehmen.
Für Patienten mit Morbus Fabry
Morbus Fabry ist eine seltene Erkrankung, von der in Russland schätzungsweise 500 bis 2.000 Menschen betroffen sind. Die Standardtherapie sind lebenslange intravenöse Infusionen von rekombinanter α-Galactosidase A alle 14 Tage.
Das Aufkommen alternativer Optionen (einschließlich oralem Migalastat für Patienten mit bestimmten Mutationen und Gentherapie) schafft die Möglichkeit einer personalisierten Behandlung. In der russischen Realität ist jedoch das Haupthindernis der Preis.
Für das Gesundheitssystem und den Haushalt
Das HCN-Programm wird aus dem Bundeshaushalt finanziert, und jede neue Medikamentenaufnahme stellt eine erhebliche Belastung dar. Lonocotocog alfa könnte laut Berechnungen Einsparungen bringen (aufgrund der reduzierten Infusionsanzahl) und eine effektivere Krankheitskontrolle ermöglichen.
Gleichzeitig steht Pegunigalsidase alfa in Konkurrenz zum russischen Analog Agalsidase beta von Petrovax Pharm. Laut Hersteller ist das russische Medikament günstiger, was zu einem zentralen Argument gegen die Aufnahme des importierten Medikaments wurde.
Reaktionen der Hauptakteure
Patientenorganisationen
Die Allrussische Patientenunion, die Allrussische Hämophilie-Gesellschaft und andere öffentliche Organisationen schlossen sich in einem Brief an Tatjana Golikowa zusammen und forderten eine Überarbeitung der VED-Liste, um vier Medikamente aufzunehmen, darunter Lonocotocog alfa.
Die Organisationen betonen, dass von den 34 von der Kommission in den Jahren 2024–2025 geprüften Medikamenten nur 12 zugelassen wurden und nur 8 in die endgültige Liste gelangten. Die Patienten fordern Transparenz im Prozess und Berücksichtigung ihrer Meinungen.
Hersteller
CSL Behring (Lonocotocog alfa) bemüht sich seit fünf Jahren um die Aufnahme seines Medikaments in die russischen Listen. Das Unternehmen legt wahrscheinlich pharmakoökonomische Begründungen vor, um die Kommission zu überzeugen.
Chiesi (Pegunigalsidase alfa) steht in Konkurrenz zu Petrovax Pharm, das ein russisches Analog herstellt. Der Präsident von Petrovax Pharm, Michail Zyferow, sprach persönlich auf der Kommissionssitzung und erklärte die geringeren Kosten des russischen Medikaments.
Kommission des Gesundheitsministeriums und Experten
Kommissionsmitglieder scheinen zwischen zwei Extremen gefangen zu sein: einerseits der Wunsch, Patienten Innovationen zu bieten, andererseits die Notwendigkeit, Haushaltsmittel zu sparen und inländische Hersteller zu unterstützen.
Im Fall von Lonocotocog alfa genehmigte die Kommission das Medikament dreimal, aber die Regierung nahm es jedes Mal nicht in die endgültige Liste auf. Dies deutet auf ein systemisches Problem hin: Die Entscheidung der Kommission ist beratend, und das letzte Wort hat die Regierung.
Fachgemeinschaft
Russische Hämatologen (darunter Professor Pavel Zharkov vom Dmitry Rogachev Nationalen Medizinischen Forschungszentrum für Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Immunologie) setzen sich für einen erweiterten Zugang zu modernen rekombinanten Gerinnungsfaktoren ein. Ihrer Ansicht nach können Medikamente der vierten Generation mit verlängerter Halbwertszeit ein „blutungsfreies Leben“ auch bei Patienten mit schweren Formen der Erkrankung ermöglichen.
Prognose und Schlussfolgerungen
Kurzfristige Aussichten
Die Ergebnisse der Kommissionssitzung vom 28. April 2026 wurden noch nicht bekannt gegeben. Der Verlauf der Diskussionen bei früheren Sitzungen deutet jedoch darauf hin:
- Lonocotocog alfa hat aufgrund der Unterstützung durch Patientenorganisationen und klinischer Daten hohe Chancen auf eine positive Empfehlung. Frühere Fälle zeigen jedoch, dass selbst eine Kommissionsempfehlung keine Garantie für die Aufnahme in die endgültige Liste ist.
- Pegunigalsidase alfa befindet sich aufgrund der Konkurrenz durch das russische Analog und des Fehlens einer Verankerung in den klinischen Leitlinien in einer schwierigeren Position. Die Chancen auf Aufnahme sind gering.
Langfristige Prognose
- Der Trend zur Importsubstitution wird sich verstärken. Die Aufnahme in die VED- und HCN-Listen wird bei vergleichbarer Wirksamkeit zunehmend russische Hersteller begünstigen.
- Die Entwicklung der Gentherapie (wie bei Morbus Fabry) könnte den Markt radikal verändern. Eine einmalige Verabreichung anstelle einer lebenslangen Therapie ist nicht nur ein klinischer Durchbruch, sondern auch potenzielle Haushaltseinsparungen langfristig.
- Stärkung der Rolle von Patientenorganisationen. Die Allrussische Hämophilie-Gesellschaft und andere Gruppen werden zu wichtigen Akteuren im Dialog mit dem Regulierer, und ihre Stimme wird lauter werden.
Wichtigste Schlussfolgerungen
Die Geschichte von Lonocotocog alfa und Pegunigalsidase alfa spiegelt die Probleme des russischen Arzneimittelversorgungssystems für Patienten mit seltenen Erkrankungen wider:
- Bürokratische Hürden. Ein Medikament kann jahrelang zwischen der Kommissionszulassung und der endgültigen Regierungsentscheidung „reisen“.
- Interessenkonflikt. Der Kampf zwischen importierten Innovationen und inländischen Generika.
- Mangelnde Transparenz. Patienten und Ärzte verstehen nicht immer die Grundlage für Entscheidungen.
Dennoch deutet die wiederholte Überprüfung dieser Medikamente auf allmähliche Fortschritte bei der Ausweitung des Zugangs zu innovativer Therapie hin. Für Patienten mit Hämophilie A und Morbus Fabry ist jedes neue Medikament eine Chance auf ein längeres und besseres Leben. Und diese Chance ist es wert, dafür zu kämpfen.
— Editorial Team