Analysten prognostizieren bis zu 20 Börsengänge in Russland im Jahr 2026
Nach einer Flaute im Jahr 2025 wird eine Wiederbelebung des russischen Primärmarktes erwartet, die hauptsächlich durch eine Leitzinssenkung angetrieben wird. Das Interesse der Anleger wird sich auf IT, Einzelhandel und Fintech konzentrieren, aber ein echter Boom ist nur möglich, wenn der Leitzins unter 11 % fällt.
IPO-Boom in Russland: Am Rande eines neuen Zyklus oder ein verzögertes Szenario?
Einleitung
Nach der dramatischen Flaute von 2025, als die Erinnerung an die turbulenten Jahre 2023–2024 wie ferne Geschichte schien, erwachte der russische Primärmarkt unerwartet zum Leben. Mehrere Nachrichten auf einmal – eine Prognose von Expert RA über bis zu 20 Börsengänge im Jahr 2026, eine Erklärung des Finanzministeriums über Pläne zur Privatisierung von 14 Staatsunternehmen und die Nachricht, dass Fabrika PO sich auf eine Börsennotierung vorbereitet – erzeugten den Effekt von aufgestautem Dampf, der bereit ist, auszubrechen.
Aber ist diese Prognose so eindeutig? Reicht eine Leitzinssenkung allein aus, um eine Welle von Börsengängen auszulösen? Oder ist dies nur ein weiterer Optimismusblitz, gefolgt von Enttäuschung?
Die Antwort liegt in der Makroökonomie, den Unternehmensstrategien und, was wichtig ist, der Psychologie sowohl der Emittenten als auch der Anleger.
Ereignisdetails und Zeitplan
Vom Niedergang zur Wiederbelebung: Zahlen und Prognosen
Der russische IPO-Markt hat in den letzten Jahren mehrere dramatische Zyklen durchlaufen. Das goldene Zeitalter war 2020–2021, als bei niedrigen Zinsen und einem Zustrom ausländischen Kapitals 11 Unternehmen an die Börse gingen und 444 Milliarden Rubel einnahmen. Dann kam der Schock von 2022 – nur ein Börsengang (Whoosh) für 2,1 Milliarden Rubel.
In den Jahren 2023–2024 passte sich der Markt an die neue Realität an: Ausländische Investoren wurden durch Privatanleger ersetzt (ihr Anteil am Aktienhandelsvolumen erreichte 82 %), aber es handelte sich überwiegend um kleine und mittlere Unternehmen – 22 Deals mit einem Gesamtvolumen von 124 Milliarden Rubel.
2025 wurde zu einem Wendepunkt der Abkühlung: nur vier Börsengänge für 37 Milliarden Rubel, davon 31,7 Milliarden Rubel von DOM.RF. Der Grund war die straffe Geldpolitik der Zentralbank, die Einlagen mit Renditen von 20–23 % attraktiver machte als Aktien.
Was verspricht 2026?
Laut einer Prognose der Analyseagentur Expert RA könnten bei einem Rückgang des Leitzinses auf 13–13,5 % bis zu 20 Unternehmen an die Börse gehen, mit einer Gesamteinnahme von 50–100 Milliarden Rubel. Das Finanzministerium wiederum kündigte Pläne an, Aktien von 14 Staatsunternehmen (plus 2–3 SPOs) zu listen.
Der sektorale Fokus wird sich laut Analysten in Richtung IT und KI-Technologien, Einzelhandel/E-Commerce und Fintech verschieben.
Auswirkungen und Bedeutung (für die Welt / Branche / Gesellschaft)
Für die Welt: Russland als separates Universum
Im globalen Kontext bleibt der russische IPO-Markt isoliert: Ausländische Investoren fehlen, und die Abwicklung erfolgt in Rubel. Dies macht die Ereignisse jedoch nicht weniger bedeutsam. Der Erfolg oder Misserfolg großer Börsengänge (z. B. potenzielle IPOs von SIBUR oder Rosatom) wird globalen Fonds signalisieren, wie lebensfähig die russische Wirtschaft außerhalb der westlichen Finanzinfrastruktur bleibt.
Für die Branche: Transformation der Marktstruktur
Die wichtigste Veränderung in den letzten Jahren ist der Wechsel des dominanten Anlegertyps. Institutionelle Anleger wurden durch Privatanleger ersetzt, für die nicht nur Zahlen, sondern auch Marketing, Markengeschichte und Zugänglichkeit von Analysen wichtig sind.
Dies macht den Markt volatiler, aber auch demokratischer. Gleichzeitig entsteht ein Problem: Die meisten in Vorbereitung befindlichen Deals haben ein geringes Volumen – 2–5 Milliarden Rubel, was keine großen Fonds anzieht.
„Deals über 2 Milliarden Rubel werden, fürchte ich, überhaupt keine institutionellen Anleger anziehen“, zitiert bne IntelliNews Eduard Kharin, Analyst bei Alfa Capital.
Um Wladimir Putins Ziel zu erreichen (die Marktkapitalisierung soll bis 2030 66 % des BIP erreichen), werden 30 Unternehmen in der Größe von Gazprom oder Sberbank benötigt – eine fantastische Aufgabe ohne Rückgriff auf die Notenpresse oder Aufhebung der Sanktionen.
Für die Gesellschaft: Neue Chancen und Risiken
Für Privatanleger bedeutet der IPO-Boom mehr Auswahl. Aber das Risiko wächst ebenfalls: Bei der Jagd nach neuen Geschichten kann man auf überbewertete Vermögenswerte stoßen.
„Jedes Unternehmen, das zum ersten Mal an die Börse geht, versucht, sich SO TEUER WIE MÖGLICH zu verkaufen. Wenn Sie also an einem IPO teilnehmen, denken Sie daran, dass die Aktionäre selbst genau das Gleiche wollen“, warnen Analysten.
Reaktionen der Hauptakteure
Optimisten: Expert RA, Finanzministerium, Sberbank, BBI Capital
Pavel Bilenko, Managing Partner bei BBI Capital, erklärt direkt: „Wir stehen am Rande eines IPO-Booms.“ Er sieht den Haupttreiber in der Leitzinssenkung, die Unternehmen signalisiert, mit den Vorbereitungen zu beginnen.
Das Finanzministerium, das sich auf die erfolgreiche Erfahrung von DOM.RF stützt, glaubt an den Plan für 14 Staatsunternehmen. Die Sberbank prognostiziert mindestens fünf Börsengänge, während die VTB von mehr als zehn sich vorbereitenden Unternehmen berichtet.
Skeptiker: Rikom-Trust, BCS, einige Experten
Dmitry Tselishchev von Rikom-Trust dämpft die Begeisterung: „Es ist unwahrscheinlich, dass 2026 ein Boomjahr wird.“ Seiner Meinung nach muss der Leitzins unter 11 % fallen – erst dann werden Einlagen die Aktienrenditen nicht mehr übertreffen.
Huseyn Rzayev von BCS erklärte: „Es wird dieses Jahr keine 20 Deals geben“ unter den aktuellen Bedingungen, da der Zinssatz von 15,5 % über dem neutralen Niveau von 12 % liegt.
Alexey Timofeev, Präsident von NAUFOR, fügt hinzu, dass das Ziel der Marktkapitalisierung ohne Aufhebung der Sanktionen und Anziehung ausländischer Investitionen schwer zu erreichen sei.
Emittenten: Wer steht in der Schlange?
Die Liste potenzieller Kandidaten ist beeindruckend und umfasst sowohl Blue Chips als auch Nischenplayer:
- Riesen: SIBUR (Marktkapitalisierung ~3 Billionen Rubel, Börsengang möglicherweise an der Eastern Exchange).
- IT und KI: VK Tech, MTC Web Services, Nanosoft (Analogon zu Autodesk), Fabrika PO (FabricaONE.AI).
- Einzelhandel und Konsumgüter: VinLab (Alkoholeinzelhändler Nr. 1), Sutochno.ru, Cosmos Hotel Group.
- Staatsunternehmen: Russische Eisenbahnen, Russische Post, VEB.RF, Rosatom, Rostec.
- Andere: BCS Holding (Broker), RTK-DC (Rechenzentren), Evraz (Metallurgie).
Prognose und Schlussfolgerungen
Basisszenario (55 % Wahrscheinlichkeit): Moderate Aktivität
Vorausgesetzt, der Leitzins fällt 2026 tatsächlich auf 13–13,5 % (wie die Zentralbank in ihrem mittelfristigen Ausblick prognostiziert), wird der Markt 10–15 Börsengänge mit einem Gesamtvolumen von ~70–80 Milliarden Rubel sehen. Dies ist nicht der Boom von 2021, aber eine deutliche Belebung nach dem desaströsen Jahr 2025.
Als erste werden Unternehmen an die Börse gehen, die bereits die Vorbereitung und Jurisdiktionswechsel abgeschlossen haben – Nanosoft, VinLab, BCS Holding, Tochtergesellschaften von AFK Sistema (Medsi, Binnopharm).
Pessimistisches Szenario (30 % Wahrscheinlichkeit): Leitzins bleibt über 14 %
Wenn die Inflation nicht auf 4–5 % zurückgeht, wird die Zentralbank gezwungen sein, den Zins länger als erwartet bei etwa 14–15 % zu halten. In diesem Fall bleibt das IPO-Fenster halb geschlossen – 5–7 Deals, meist klein und mit einem großen Abschlag.
Optimistisches Szenario (15 % Wahrscheinlichkeit): Leitzins < 11 % und geopolitische Entspannung
Wenn der Leitzins bis Ende 2026 unter 11 % fällt und Fortschritte bei den Sanktionsverhandlungen erzielt werden, könnte der Markt tatsächlich historische Rekorde bei der Anzahl der Deals erreichen. Aber dieses Szenario sieht heute am unwahrscheinlichsten aus.
Hauptschlussfolgerung
Der russische IPO-Markt steht in der Tat am Rande eines neuen Zyklus. Aber die Art dieses Zyklus wird nicht so sehr vom Wunsch der Unternehmen oder gar der Leitzinssenkung bestimmt, sondern von der Geschwindigkeit und Nachhaltigkeit dieser Senkung.
„Ein echter Boom wird erst eintreten, wenn der Leitzins unter 11 % liegt“, fassen Analysten zusammen. Und das ist eher eine Geschichte für 2027 als für 2026.
Dennoch öffnet sich das Fenster der Möglichkeiten für Börsengänge bereits. Unternehmen, die den Moment nutzen und Anlegern eine faire Bewertung und transparente Struktur bieten, werden noch in diesem Jahr erfolgreich an die Börse gehen können. Der Rest muss bis 2027 warten, wenn der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Anleger noch härter wird.
— Editorial Team