Wall-Street-Indizes steigen dank starker US-Arbeitsmarktdaten
Der S&P 500 legte um 0,8 % zu, der Nasdaq Composite stieg um 1,5 % auf Rekordhoch – dank eines besser als erwarteten Arbeitsmarktberichts, der die Ansicht untermauert, dass die Fed nicht überstürzt die Zinsen ändern wird.
Wall-Street-Rekorde: Warum der Markt feiert, während die Wirtschaft SOS-Signale sendet
Das Wesentliche: Was wirklich passiert
S&P 500 bei 7.398,93 Punkten, Nasdaq schoss auf 26.247,08 – beide Indizes erreichten Allzeithochs und verzeichneten die sechste Gewinnwoche in Folge. Auf den ersten Blick ist der Grund offensichtlich: Die Arbeitsmarktdaten übertrafen die Erwartungen. Der Konsens lag bei mageren 62.000 neuen Stellen, doch der tatsächliche Wert betrug 115.000. Händler atmeten erleichtert auf: Rezession vom Tisch, die Fed rührt die Zinsen nicht an, der Rally kann weitergehen.
Das Problem ist, dass diese Erzählung eine gefährliche Vereinfachung darstellt. Was am 8. Mai an den US-Börsen geschah, war keine Reaktion auf eine starke Wirtschaft. Es war ein triumphaler Marsch des KI-Sektors, der die Indizes nach oben zog, während der Rest des Marktes auf der Stelle trat. Der Philadelphia-Halbleiterindex stieg allein im zweiten Quartal um 55 %. Der Technologiesektor des S&P 500 legte an einem einzigen Tag um 2,7 % zu, während der Versorgersektor um 0,9 % fiel. Dies ist kein breites Wachstum – es ist eine selektive Rally, die als allgemeiner Aufschwung getarnt ist.
Darüber hinaus verbergen sich unter der Oberfläche der Arbeitsmarktstatistiken alarmierende Signale, die der Markt ignorierte. Die Zahl der Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sind, in Teilzeit zu arbeiten, stieg um 445.000 – der größte Anstieg seit 14 Monaten. Die Beschäftigung in den Haushalten sank um 226.000 Stellen. Weitere 92.000 Menschen verließen den Arbeitsmarkt. Die Erwerbsquote fiel auf 61,8 %. Ohne diesen Rückgang hätte die Arbeitslosigkeit bei 4,4 % gelegen, nicht bei 4,3 %.
KPMG-Chefvolkswirtin Diane Swonk bringt es auf den Punkt: Der Arbeitsmarkt „sieht auf dem Papier besser aus, als er sich für die meisten Arbeitnehmer anfühlt.“ Die breitere Arbeitslosenquote U6, die auch entmutigte und unterbeschäftigte Arbeitnehmer umfasst, stieg auf 8,2 % – den höchsten Stand seit Dezember 2025.
Zeitstrahl und Kontext
Der Mai-Arbeitsmarktbericht setzt eine Reihe volatiler Daten fort, die den Arbeitsmarkt seit Mitte 2025 plagen. Im Februar gingen 156.000 Stellen verloren; im März gab es einen Zuwachs von 185.000 (nach oben revidiert); der April brachte 115.000. Der Dreimonatsdurchschnitt des Zuwachses betrug nur 48.000 – und das schließt zwei aufeinanderfolgende „starke“ Monate ein.
Gleichzeitig sind die Wachstumstreiber extrem konzentriert. Das Gesundheits- und Sozialwesen schuf 53.900 Stellen – fast die Hälfte aller Zuwächse im privaten Sektor. Transport- und Kurierdienste fügten 30.300 Stellen hinzu – teilweise weil Amerikaner, verunsichert durch die Benzinpreise, nicht mehr zu den Geschäften fuhren, sondern auf Lieferdienste umstiegen. Der Einzelhandel wuchs um 21.800 Stellen, aber ein erheblicher Teil entfiel auf Großhandelsclubs und Baumärkte – aufgrund der späten Ostersaison.
Gleichzeitig schrumpft der Technologiesektor (Informationsdienste) seit 16 Monaten in Folge, und die Bundesregierung verlor weitere 9.000 Stellen – insgesamt 348.000 Stellenverluste seit dem Höchststand im Oktober 2024.
Der Kontext für die Fed ist hier entscheidend. Vorsitzender Powell hielt seine letzte Sitzung ab, und sein Nachfolger Kevin Warsh erbt ein Komitee, das gespaltener ist als je zuvor. Bei der FOMC-Sitzung im April sprachen sich drei stimmberechtigte Mitglieder gegen die Beibehaltung des Lockerungstrends in der Erklärung aus – sie wollten die Möglichkeit sowohl von Zinssenkungen als auch von Zinserhöhungen offenhalten. KPMG prognostiziert nun zwei Zinserhöhungen bis Ende des Sommers.
Wer gewinnt und wer verliert
KI-Sektor und Chip-Hersteller – absolute Gewinner. Ein Blick auf die Zahlen genügt: Nvidia stieg um 1,8 %, Micron und Sandisk legten jeweils um mehr als 15 % zu, angetrieben von unstillbarer Nachfrage aus Rechenzentren. Dahinter steckt kein Hype, sondern echtes Geld: Die Investitionsausgaben für KI-Infrastruktur werden in zig Milliarden Dollar gemessen. Die Gewinne des S&P 500 stiegen im ersten Quartal um fast 29 % im Jahresvergleich, und der Löwenanteil dieses Wachstums stammt von KI-Schwergewichten.
Der Markt als Ganzes – taktischer Gewinner. Sechs Wochen ununterbrochenen Wachstums sind die längste Gewinnserie seit Oktober 2024. Der S&P 500 liegt seit Jahresbeginn 8 % im Plus, der Nasdaq ist um 13 % gestiegen. Das sind beeindruckende Zahlen für einen Zeitraum, in dem Öl bei 106 Dollar pro Barrel liegt und die Straße von Hormus blockiert ist.
Amerikanische Arbeitnehmer – Verlierer. Die U6-Quote von 8,2 % liegt zwei volle Prozentpunkte höher als 2019. Menschen, die Vollzeitarbeit suchen, müssen Teilzeitstellen annehmen. Menschen, die gerne in den Arbeitsmarkt einsteigen würden, finden keine Arbeit und geben auf. Die reale Kaufkraft der Haushalte schrumpft unter dem Druck von Treibstoff- und Warenpreisen.
Die Federal Reserve – in der Falle. Der ISM-Dienstleistungspreisindex liegt bei 70,7 – dem höchsten Stand seit Oktober 2022 – zum zweiten Mal in Folge. Das bedeutet, dass die Dienstleistungsinflation, die den Kern des Verbraucherkorbs bildet, auf Vierjahreshoch verharrt. Gleichzeitig zahlt die Fed über eine Billion Dollar pro Jahr an Zinsen auf die Staatsverschuldung. Zinserhöhungen würden die Schuldenlast erdrücken; Zinssenkungen würden die Inflation neu entfachen. Eine Wahl ohne Wahl.
Kevin Warsh – künftiger Fed-Chef in der verwundbarsten Position. Seine Nominierung wurde gerade vom Senatsausschuss nach harten Anhörungen bestätigt. Warsh ist ein Befürworter des „getrimmten Mittels“ als Inflationsmaß, das systematisch niedrigere Werte liefert, und ein prinzipientreuer Gegner der großen Fed-Bilanz. Er wird dem Anleihemarkt seine Unabhängigkeit und seinen Anti-Inflationswillen beweisen müssen, zu einer Zeit, in der jede Entscheidung als politisch wahrgenommen wird.
Was die Medien nicht sagen
Erkenntnis eins: Der Markt feiert nicht eine starke Wirtschaft, sondern einen schwachen Arbeitsmarkt.
Paradoxerweise ist die Schwäche des Arbeitsmarktes der beste Freund der aktuellen Rally. Die Arbeitslosigkeit steigt nicht, die Löhne kühlen ab: Das jährliche Lohnwachstum betrug 3,6 % – über den 3,4 % im März, aber nicht genug, um eine Lohn-Preis-Spirale auszulösen. Dies erlaubt der Fed, die Hände in den Schoß zu legen und die Aktienmarktrally nicht zu behindern. Händler verstehen das: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zinsen auf der Juni-Sitzung unverändert bleiben, liegt bei 97 %. Der Markt will keine Zinssenkung – er will Berechenbarkeit.
Erkenntnis zwei: Die KI-Rally verbirgt die Verletzlichkeit des restlichen Marktes.
Der Technologiesektor des S&P 500 stieg um 2,7 %, während Versorger um 0,9 % fielen und Energie und Grundstoffe zu den schwächsten Sektoren gehörten. Das erste Quartal zeigte, dass etwa 30–35 % des Gewinnwachstums des breiten Marktes aus Kommunikationsdiensten und 45–50 % aus Informationstechnologie stammten. Das bedeutet, dass der Markt ohne den KI-Sektor im Minus wäre. Dies ist eine extreme Konzentration, die die Indizes anfällig für jede Enttäuschung im Technologiesektor macht.
Erkenntnis drei: Das Geburts-Sterbe-Modell verzerrt die Realität.
Ökonomen weisen zunehmend auf Probleme mit dem „Geburts-Sterbe-Modell“ hin, das das BLS zur Schätzung der Arbeitsplatzschaffung bei neuen und schließenden Unternehmen verwendet. Seit Mitte 2025 erzeugt dieses Modell extreme Volatilität in den Daten und verzerrt das reale Bild. Die hohe Fluktuation neu gegründeter Unternehmen erschwert die Schätzung der tatsächlichen Beschäftigungszahlen. Vorläufige Zensusdaten deuten darauf hin, dass wir Anfang 2027 mit großen Abwärtsrevisionen der Daten für 2025 rechnen müssen.
Erkenntnis vier: Strukturelle Veränderungen am Arbeitsmarkt werden unterschätzt.
Eine alternde Bevölkerung und sinkende Einwanderung bedeuten, dass die Wirtschaft zwischen 0 und 50.000 Arbeitsplätze pro Monat schaffen muss – nicht 150.000 wie zuvor – um eine stabile Arbeitslosenquote zu halten. Dies verändert das Spiel strukturell. Selbst ein schwacher Arbeitsmarkt führt nicht zu dramatischen Anstiegen der Arbeitslosigkeit, aber das bedeutet nicht, dass er gesund ist.
Prognose: Nächste 30 Tage und 90 Tage
Nächste 30 Tage (bis 9. Juni):
Die Rally des KI-Sektors wird anhalten. Der Halbleiterindex, der im Quartal um 55 % gestiegen ist, könnte weiter steigen – die Investitionsausgaben für Rechenzentren sind Jahre im Voraus geplant. Allerdings zeigen sich Anzeichen einer Überhitzung: Der S&P 500 verzeichnete 28 neue Hochs gegenüber 30 neuen Tiefs, der Nasdaq 134 Hochs gegenüber 119 Tiefs. Dies deutet auf einen sich verengenden Markt hin, in dem eine Minderheit von Aktien die Indizes nach oben zieht.
Das Schlüsselereignis ist der 14.–15. Mai, das Treffen zwischen Trump und Xi Jinping. Auf der Tagesordnung: der Nahostkonflikt, Handelsspannungen, KI und Seltene Erden. Jede Andeutung einer Eskalation des Handelskriegs wird den Technologiesektor treffen, der von asiatischen Lieferketten abhängig ist. Umgekehrt könnte ein diplomatischer Durchbruch die Tür für weiteres Wachstum öffnen.
Bis zum 21. Mai endet die Gewinnsaison – Walmart berichtet als letztes der großen Unternehmen. Danach verliert der Markt seinen Informationsmotor und konzentriert sich auf Geopolitik und die Handlungen des neuen Fed-Chefs.
90-Tage-Horizont (bis 9. August):
Dieser Zeitraum wird von drei Faktoren bestimmt. Erstens: Kevin Warsh. Seine erste Sitzung als FOMC-Vorsitzender findet im Juni statt. Der Anleihemarkt wird seine Entschlossenheit testen. Wenn Warsh seinen Falkenruf bestätigt, werden die Renditen von Staatsanleihen steigen und Konkurrenz für Aktien schaffen.
Zweitens: die Straße von Hormus. Wenn die Blockade bis in den Juni andauert, beginnen sich die Rezessionsrisiken zu materialisieren. Historisch gesehen tritt die Spitzenwirkung von Ölpreisschocks auf das BIP mit einer Verzögerung von vier Quartalen auf, aber der Aktienmarkt reagiert früher.
Drittens: KI-Gewinne für das zweite Quartal. Wenn das Gewinnwachstum nachlässt, wird der Markt ernüchtert. Die Konzentration des Wachstums auf zwei Sektoren ist keine Stärke, sondern eine Verletzlichkeit. Ohne die KI-Komponente zeigt der breite Markt keine fundamentale Stärke.
KPMG prognostiziert zwei Zinserhöhungen bis Ende des Sommers. Wenn sich diese Prognose bewahrheitet, wird der durch billiges Geld aufgeblähte Nasdaq seine schwerste Korrektur seit 2022 erleben. Wenn Warsh jedoch Flexibilität zeigt und die Geopolitik sich entspannt, werden wir eine Fortsetzung dessen sehen, was Analysten einen „widerwillig bullischen“ Markt nennen – bei dem die Fundamentaldaten an der Oberfläche stark aussehen, aber genug Spannung darunter lauert, um Vorsicht walten zu lassen.
Anleger sollten nicht auf die Schlagzeilen achten, sondern auf das Verhältnis zwischen dem Technologie- und dem Industriesektor des S&P 500. Wenn sich die Spanne nicht aufgrund von Industriewachstum, sondern aufgrund fallender Technologiewerte zu verengen beginnt, wird dies das erste Signal sein, dass die Party vorbei ist.
— Editorial Team