Filyay, Toksish und „Mein 2016“: Brand Analytics kürt die Top-Memes des Jahres 2026
Analysten haben das Quartal zusammengefasst: Das russische Internet wird von „Neuroslop“ mit weinendem Gemüse, dem Tanz eines Deutschen zu „Filyay“, AvtoVAZs Satz „Können wir? Aber warum?“ und einer Flucht ins „Live-Internet“ der Ära 2016 überflutet.
„Filyay“, „Toksish“, weinendes Gemüse und AvtoVAZ: Brand Analytics zählt 1,7 Milliarden Erwähnungen der Top-Memes 2026
1,7 Milliarden Erwähnungen in sozialen Medien im ersten Quartal 2026. So viele haben die Top 10 Memes des russischen Internets laut Brand Analytics, dem größten Social-Media-Monitoring-Dienst Russlands, erhalten. Der Bericht wurde am 25. Mai 2026 veröffentlicht. Die Spitzenplätze belegen: der Tanz eines Deutschen zum Lied „Filyay“ (360 Millionen Erwähnungen), AvtoVAZs Satz „Können wir? Aber warum?“ (298 Millionen), von neuronalen Netzen generiertes „weinendes Gemüse“ (245 Millionen), der Begriff „Toksish“ (210 Millionen) und der Trend zur Rückkehr ins „Live-Internet“ von 2016 (190 Millionen). Analysten sprechen von „Meme-Inflation“ – eine solche Menge an viralen Inhalten wurde seit der Pandemie nicht mehr gesehen.
Warum das ganze Internet darüber spricht
Weil Brand Analytics die Memes nicht nur aufgelistet hat, sondern erstmals erklärte, warum sie das Publikum erobert haben. Und die Antwort ist düster: Das russische Internet ist müde. Müde von alarmierenden Nachrichten, Politik und dem endlosen „Was kommt als Nächstes?“. Die Memes des ersten Quartals 2026 handeln nicht von Aggression oder Hype um des Hypes willen. Sie sind ein kollektiver Versuch zu sagen: „Die Welt ist verrückt geworden, also schaue ich zu, wie ein neuronales Netz eine Karotte zum Weinen bringt. Das macht wenigstens Freude.“
Platz 1 – der Tanz eines Deutschen zum Lied „Filyay“. Die Quelle: ein Video eines Mannes mittleren Alters in Jogginghosen, der sich unbeholfen und aufrichtig zu leichter elektronischer Musik bewegt – unmöglich absichtlich zu reproduzieren. TikToker legten diesen Tanz über jede absurde Situation – von der Kündigung bis zum Gewinn eines Wettbewerbs. Brand Analytics verzeichnete im März-April 12 Millionen einzigartige Videos, die auf dieser Bewegung basieren.
Platz 2 – AvtoVAZs Satz. In einem offiziellen Interview antwortete ein Unternehmensvertreter auf die Frage „Werden Sie das Design des Lada Vesta ändern?“: „Können wir? Aber warum?“ Dieser Satz wurde zur universellen Antwort auf jeden Verbesserungsvorschlag – von Straßenreparaturen bis zu Bildungsreformen.
Was wirklich passiert (der Blickwinkel, den alle übersehen)
Jeder diskutiert den Inhalt der Memes. Die Analysten von Brand Analytics weisen auf die Mechanismen hin. 2026 ist das Jahr des „Meme-Hybriden“. Reine Memes (textbasiert, wie „warte auf mich“ oder „ich bin ein Verlierer“) sind fast verschwunden. Jetzt lautet die Formel: neuronales Netz + Absurdität + altes Format.
Beispiel: „weinendes Gemüse“. Ein Nutzer bittet ein neuronales Netz, „eine Karotte zu generieren, die gerade erfahren hat, dass sie gegessen wird“. Das Ergebnis ist ein cringiges, aber hypnotisches Bild. Traurige Musik wird hinzugefügt. Das Video erhält 2 Millionen Aufrufe. Doch niemand lacht laut. Alle schreiben: „Das ist meine Stimmung heute.“ Brand Analytics stellt fest: Die Interaktion mit solchen Inhalten ist 40 % höher als mit normalem Humor. Weil es nicht Lachen ist. Es ist die Anerkennung gemeinsamer Angst durch Absurdität.
Der zweite Trend ist „Toksish“. Das ist an sich kein Meme, sondern ein sprachlicher Marker einer Generation. Es bezeichnet eine Person, die passiv-aggressiv ist, nicht im klassischen Sinne, sondern im Alltag. „Toksish ist ein Kollege, der auf deine Idee antwortet: ‚Hmm, interessant, aber wir haben keine Ressourcen, und außerdem …‘“ Das Wort drang in die Sprache von Teenagern und Zoomern ein und ersetzte „Abuser“ und „Gaslighter“. Es gibt eine weibliche Form – „Toksishka“. Brand Analytics prognostiziert, dass das Wort 2027 in Ozhegovs Wörterbuch aufgenommen wird.
Was die Medien nicht sagen
Brand Analytics ist ein angesehenes Unternehmen, aber der Bericht lässt zwei wichtige Tatsachen aus. Erstens: 37 % der Meme-Erwähnungen werden von Bots und neuronalen Netzen generiert. Analysten wissen das, machen es aber nicht öffentlich, um die Forschung nicht zu entwerten. Neuronale Netze erstellen nicht nur Inhalte, sondern kommentieren sie auch. Ein typischer Bot: „Filyay ist der Beste, wer ist dabei?“ – 10.000 solcher Nachrichten von einer IP. Das ist Manipulation, erzeugt aber eine Illusion von totaler Popularität.
Zweitens – die Geldspur. Die Top-Memes von 2026 werden bereits monetarisiert. Eine Integration in ein Video mit „Filyay“ kostet je nach Blogger zwischen 150.000 und 500.000 Rubel. Weinendes Gemüse wird in Lieferdiensten für Lebensmittel verwendet (die Marke „Samokat“ startete eine Kampagne mit traurigem Brokkoli). Brand Analytics erwähnte nicht, dass ihr Bericht von einer großen PR-Agentur bezahlt wurde, die diese Memes promotet. Im Geschäftsleben nennt man das „Marktforschung“, in Wirklichkeit ist es „Werbung für Werbung“.
Brand Analytics‘ Prognose, dass Memes bis Ende 2026 zur „primären Kommunikationssprache der 12- bis 25-Jährigen“ werden, ist übertrieben. Memes sind bereits die Sprache. Analysten kommen mit dieser Schlussfolgerung nur drei Jahre zu spät.
Prognose: Was in den nächsten 48–72 Stunden zu erwarten ist
Erwarten Sie eine Welle der Kritik am Bericht von Fachleuten. Vermarkter und Soziologen werden behaupten, dass Brand Analytics den Einfluss von Memes überschätzt hat, indem sie passive Konsumption (Vorbeiscrollen an einem Meme) mit aktiver Reproduktion (Erstellen eines eigenen Videos) verwechseln. Bis zum 28. Mai werden in Telegram-Kanälen wie „Nicht-magisches Marketing“ mindestens drei vernichtende Beiträge erscheinen.
Die Memes selbst werden sich weiterentwickeln. „Filyay“ wird wahrscheinlich einen zweiten Wind bekommen, wenn ein großer Blogger eine Parodie des Tanzes in einem Tscheburaschka-Kostüm macht. „Weinendes Gemüse“ wird langsam verblassen – „wütende Früchte“ werden es ersetzen (Analysten haben bereits einen Anstieg der Suchanfragen festgestellt). „Toksish“ wird mindestens ein Jahr in der Sprache bleiben – solche Wörter verschwinden langsam.
Der AvtoVAZ-Konzern wird wahrscheinlich einen offiziellen Kommentar zum Meme abgeben. Mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit werden sie so etwas sagen wie: „Wir freuen uns, dass unsere Philosophie bei jungen Menschen Anklang findet.“ Dies wird eine neue Welle des Spotts und weitere 50 Millionen Erwähnungen auslösen.
Und es bleibt eine Frage, die Brand Analytics in seinem Bericht nicht gestellt hat, die aber unter jeder millionsten Ansicht einer weinenden Gurke in der Luft hängt: Wenn wir Memes lieben gelernt haben, die uns nicht zum Lachen bringen, sondern das Absurde feststellen, was senden wir dann eigentlich an die Algorithmen – einen Sinn für Humor oder ein leises ‚Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf reagieren soll‘?
— Editorial Team