Finanzminister Siluanow warnt vor steigenden Staatsausgaben inmitten von Unsicherheit
Der russische Finanzminister erklärte, dass aufgrund der zunehmenden globalen Unsicherheit die Haushaltsparameter geändert werden und die Staatsausgaben weiter steigen werden. Dies könnte die Inflationserwartungen anheizen und eine Senkung des Leitzinses der Zentralbank behindern.
Schlagzeile: Finanzminister Siluanow gibt zu: Die Haushaltsfalle hat zugeschnappt, und der Leitzins der Zentralbank bleibt hoch
Autor: Unabhängiger Finanzanalyst (Insider-Perspektive)
[Das Wesentliche]: Was wirklich passiert
Finanzminister Anton Siluanow gab am 26. Mai 2026 ein Interview mit der Kommersant, in dem er einräumte, was monatelang hinter verschlossenen Türen geflüstert wurde: Die Haushaltsparameter werden sich ändern, die Ausgaben werden weiter steigen, und die Reserven sind nicht unendlich. Die formalen Gründe sind sich ändernde makroökonomische Bedingungen und der Nahostkonflikt.
Aber das wahre Wesen ist nicht das. Siluanow hat im Grunde zugegeben, dass die russische Fiskalpolitik in eine turbulente Zone ohne einfachen Ausweg eingetreten ist. Seit 2019 sind die Ausgaben des Bundeshaushalts von 16,6 % auf 20,0 % des BIP gestiegen, und nominal haben sie sich mehr als verdoppelt (Faktor 2,3). In der Zwischenzeit erreichte das Defizit für Januar bis April 2026 5,8 Billionen Rubel (etwa 81,8 Milliarden US-Dollar), das 1,6-fache des geplanten Jahresdefizits von 3,8 Billionen Rubel.
Die wahre Erkenntnis: Siluanows Aussage ist keine Prognose, sondern eine Kapitulation vor der Realität. Das Finanzministerium kann den Haushalt nicht mehr innerhalb der zuvor genehmigten Parameter halten, weil die Militärausgaben und sozialen Verpflichtungen (die beiden „absoluten Prioritäten“, wie er sagt) schneller wachsen als die Wirtschaft. Und die Wirtschaft wird laut Prognosen des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung im Jahr 2026 nur um 0,4 % wachsen, statt um 1,2 %.
Zeitstrahl und Kontext
2025. Die Haushaltsausgaben erreichten 20 % des BIP – ein Allzeithoch für Friedenszeiten (falls man das Friedenszeiten nennen kann). Das Defizit wurde durch den Nationalen Wohlfahrtsfonds (NWF) und Kreditaufnahmen gedeckt.
Januar–April 2026. Die Ausgaben beliefen sich auf 17,6 Billionen Rubel (248,2 Milliarden US-Dollar), die Einnahmen auf 11,7 Billionen Rubel (165 Milliarden US-Dollar). Das heißt, jeder dritte vom Staat ausgegebene Rubel war nicht durch Steuereinnahmen gedeckt. Das Defizit von 5,8 Billionen Rubel überstieg bereits den liquiden Bestand des NWF (3,63 Billionen Rubel oder 51,2 Milliarden US-Dollar) um mehr als 60 %.
26. Mai 2026. Siluanow gibt ein Interview mit der Kommersant. Kernpunkte:
- Die Haushaltsparameter werden sich aufgrund der sich ändernden makroökonomischen Bedingungen ändern.
- Die Ausgaben wachsen beschleunigt, die Reserven sind nicht unendlich.
- Soziale Wohlfahrt und Verteidigung sind absolute Prioritäten; alles andere steht in Frage.
- Es wird keine Frühjahrsänderungen am Haushaltsgesetz geben, aber jetzt ist Flexibilität gefragt.
Prognose für Ende 2026. Analysten der Gazprombank glauben, dass das Finanzministerium, um das Defizitziel (3,8 Billionen Rubel) zu erreichen, bis zum Jahresende einen monatlichen Überschuss von 200 Milliarden Rubel erzielen müsste. Das ist unrealistisch. Das tatsächliche Defizit für das Jahr wird 5–5,5 Billionen Rubel (70,5–77,6 Milliarden US-Dollar) betragen.
Wer gewinnt und wer verliert
Die Verlierer sind offensichtlich: Inhaber von auf Rubel lautenden Anleihen (OFZ). Steigende Staatsausgaben in einer stagnierenden Wirtschaft bedeuten eines: Das Finanzministerium wird mit neuen Kreditaufnahmen auf den Markt kommen. Bereits jetzt liegen die OFZ-Renditen im Bereich von 15–17 %, und zusätzliches Angebot könnte sie über 18–20 % treiben. Das ist ein direkter Schlag für die Anleihekurse, die in den kommenden Monaten um weitere 5–10 % fallen werden.
Der weniger offensichtliche Verlierer: Die Privatwirtschaft, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen. Ökonom Dmitri Polewoi von Renaissance Capital warnt: Das Finanzministerium wird entweder die Ausgaben kürzen müssen (unmöglich angesichts der aktuellen geopolitischen Lage) oder neue Einnahmequellen finden müssen. Das bedeutet neue Steuern. Eine Übergewinnsteuer, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer oder der Verbrauchsteuern. Viele private Unternehmen haben keinen Sicherheitsspielraum mehr, und jede zusätzliche Steuerlast wird sie erledigen.
Gewinner: Rüstungskonzerne und der soziale Sektor. Siluanow erklärte direkt, dass diese beiden Ausgabenposten unantastbar bleiben. Verteidigungsunternehmen werden weiterhin staatliche Aufträge erhalten, und Rentner sowie Beschäftigte des öffentlichen Dienstes erhalten eine Indexierung.
Ebenfalls zu den Gewinnern gehören Goldimporteure (sowohl physisch als auch ETFs). Denn ein wachsendes Haushaltsdefizit und die Aussicht auf Monetarisierung durch die Zentralbank (sprich: Druckerpresse) ist ein klassischer Treiber für Gold. Siluanows Aussagen signalisieren, dass die Inflation hoch bleiben und die Realzinsen negativ sein werden. Gold gedeiht in einem solchen Umfeld.
Was die Medien nicht sagen
Die erste und wichtigste Erkenntnis: Siluanow hat durchblicken lassen, dass der NWF für den Haushaltsbedarf praktisch leer ist.
Er sagte: „Die Reserven sind nicht unendlich. Glücklicherweise waren wir mit dem Haushalt immer vorsichtig.“ Aus dem Diplomatischen ins einfache Russisch übersetzt: Der liquide Teil des NWF beträgt 3,63 Billionen Rubel. Das Defizit für vier Monate beträgt 5,8 Billionen. Selbst wenn man also den gesamten NWF bis zur letzten Kopeke nimmt, reicht es nicht, um das Loch von Januar bis April zu stopfen. Und es liegen noch acht Monate vor uns. Die nächste Tranche von NWF-Entnahmen ist eine Frage des „Wann“, nicht des „Ob“.
Aber es gibt gute Nachrichten (für diejenigen, die verstehen): Der NWF hat noch einen illiquiden Teil – Infrastrukturanleihen, Einlagen bei der VEB usw. Diese können jedoch nicht schnell verkauft werden. Das Finanzministerium hat im Wesentlichen zugegeben, dass das „Sicherheitspolster“ weg ist.
Der zweite Punkt, der unerwähnt bleibt: Steigende Staatsausgaben machen eine Leitzinssenkung im Jahr 2026 unmöglich.
Zentralbankchefin Elwira Nabiullina bekämpft seit Monaten die Inflation, die zum 25. Mai 2026 bei 5,48 % jährlich lag. Der Leitzins beträgt 21 %. Wenn das Finanzministerium die Ausgaben erhöht (und das wird es, weil es nicht anders kann), wird dies den Inflationsdruck verstärken. Die Nachfrage steigt, das Angebot kann nicht mithalten. Die Zentralbank wird entweder den Zins erhöhen müssen (unwahrscheinlich, aber möglich) oder ihn auf dem aktuellen Niveau für das gesamte Jahr 2026 und möglicherweise die erste Hälfte des Jahres 2027 halten müssen.
Der Markt hatte bereits eine Zinssenkung auf 18–19 % bis Ende 2026 eingepreist. Siluanows Aussage tötet diese Erzählung. OFZ mit festen Kupons (insbesondere langlaufende) sind eine Falle für diejenigen, die auf niedrigere Renditen hoffen.
Die dritte Erkenntnis, unausgesprochen, aber für Fachleute offensichtlich: Das Finanzministerium und die Zentralbank beginnen, in verschiedene Richtungen zu ziehen.
Siluanow spricht von steigenden Ausgaben. Nabiullina spricht von einer straffen Geldpolitik. Dies ist ein klassischer Konflikt zwischen Fiskal- und Währungsbehörden. Das Finanzministerium braucht Geld um jeden Preis – es wird Kredite aufnehmen, ausgeben und das Defizit erhöhen. Die Zentralbank wird die Zügel anziehen, um die Inflation zu bremsen. In dieser Situation wird der Rubel zur Geisel: Die Zentralbank wird ihn nicht fallen lassen (um die Inflation nicht anzuheizen), aber auch nicht stärker werden lassen (denn ein starker Rubel verringert die Haushaltseinnahmen aus Exporten). Das Ergebnis ist eine künstliche Stabilität in einem engen Korridor von 75–80 Rubel pro Dollar, den die Zentralbank mit Interventionen stützen wird, wobei sie nach und nach den verbleibenden NWF aufbraucht.
Prognose: Nächste 30 Tage und 90 Tage
30 Tage: Bis Ende Juni wird das Finanzministerium aktualisierte Haushaltsparameter vorlegen. Wir erwarten eine offizielle Erhöhung des geplanten Defizits von 3,8 Billionen auf 5–5,5 Billionen Rubel. OFZ werden mit einem Rückgang von 3–5 % reagieren, die Renditen langlaufender Papiere (10+ Jahre) könnten 19 % jährlich übersteigen. Der Rubel wird im Bereich von 76–79 pro Dollar bleiben – die Zentralbank wird ihn nicht unter 80 fallen lassen, aber auch keine Aufwertung zulassen.
90 Tage: Bis August–September wird sich zeigen, ob das Finanzministerium zu unpopulären Maßnahmen greift – Steuererhöhungen. Das wahrscheinlichste Szenario (60 %): eine einmalige Übergewinnsteuer für große Exporteure, die in den Jahren 2024–2025 von der Rubelschwäche übermäßige Gewinne erzielt haben. Der Betrag könnte 500–800 Milliarden Rubel betragen. Eine radikalere Option (30 %): Anhebung der Mehrwertsteuer von 20 % auf 22 % oder Erhöhung der Verbrauchsteuern. Dies würde den Konsum treffen und schließlich die Hoffnungen auf eine Leitzinssenkung der Zentralbank im Jahr 2026 zunichtemachen.
Redaktionelle Prognose
Basierend auf aktuellen Daten glauben wir, dass Gold (XAU/USD) in den nächsten 24–72 Stunden weiter auf 2.450–2.470 US-Dollar pro Feinunze steigen wird. Die wichtige Unterstützung liegt bei 2.410 US-Dollar, der Widerstand bei 2.480 US-Dollar (dem Allzeithoch vom April 2026). Das Vertrauensniveau ist hoch, da Siluanows Aussage bereits eingepreist ist, aber das Potenzial für weitere Kursgewinne angesichts der Erwartung neuer Daten zu den US- und russischen Haushaltsdefiziten bleibt. Das Hauptrisiko ist eine unerwartete Zinserhöhung der Fed, die den Dollar stärken und Gold auf 2.380 US-Dollar drücken würde. Dies ist die redaktionelle Meinung, keine Anlageempfehlung.
— Editorial Team